Kathrin Lehmann über die UEFA Women’s EURO, Begeisterung und nachhaltige Wirkung im Mädchenfussball
Ich hatte das Privileg, bei verschiedenen Veranstaltungen, Panels und Medienformaten als Expertin mitzuwirken – sowohl im Kanton Zürich als auch in anderen Host Cities. Meine Aufgabe war es, fachlich einzuordnen, Hintergründe zu erklären und sichtbar zu machen, wie viel Potential im Mädchen- und Frauenfussball steckt.
Gleichzeitig durfte ich Projekte begleiten, die vom hergoal-Fonds des Kantons Zürich unterstützt wurden – insbesondere Camps und Ausbildungsangebote für Mädchen und Frauen. Für mich war es wichtig, dass die EURO nicht nur ein Event ist, sondern eine Bewegung auslöst.
Die Stimmung war überwältigend. Überall in Zürich – auf den Plätzen, an den Public Viewings, in den Vereinen – war eine Energie spürbar, die es so im Frauenfussball hierzulande noch selten gegeben hat.
Besonders berührt haben mich die vielen Mädchen, die mit leuchtenden Augen in den Stadien standen und zum ersten Mal so hochkarätigen Frauenfussball live gesehen haben. Da spürst du: Das verändert etwas. Da entsteht ein Bild im Kopf wie: „Das kann ich auch!“ Diese Begeisterung trägt weit über das Turnier hinaus.
Die WEURO hat die Wahrnehmung verändert. Plötzlich wurden Spielerinnen und Vereine sichtbarer, Medien haben breiter berichtet und viele Menschen, die vorher keinen Bezug hatten, haben gemerkt: Frauenfussball ist hochklassig, spannend und emotional.
Für die Schweiz bedeutet das ein Momentum, das wir nutzen müssen – vor allem im Breitensport. Mehr Frauen und Mädchen melden sich bei Vereinen an, mehr Eltern sehen den Sinn dahinter, und Verbände sowie Gemeinden erkennen, dass entsprechende Infrastruktur und Angebote notwendig sind. Es ist eine historische Chance – und wir sollten alles daransetzen, sie nicht zu verpassen.
Camps sind niedrigschwellig, offen für alle und bieten etwas, das im Vereinsalltag oft zu kurz kommt: Zeit. Zeit für Technik, Zeit für Wiederholung, Zeit für individuelle Betreuung. Und Zeit für Begegnungen.
Es ist ein Raum, in dem Frauen und Mädchen unter sich sein dürfen – ohne Druck, ohne Vergleich, ohne stereotype Erwartungen. Sie können ausprobieren, Fehler machen, wachsen und erleben, dass Fussball ein Ort für sie ist.
Torhüterinnen sind eine spezielle Spezies – im besten Sinne. Sie brauchen technischen Feinschliff, mentale Stärke und viel individuelle Betreuung. Im Vereinstraining ist dafür oft keine Zeit, gerade bei Juniorinnen. Unsere Goalie-Tage schaffen genau diesen Fokus: Wir arbeiten mit verschiedenen Alters- und Leistungsstufen, von Basics bis zu anspruchsvollen Spielsituationen. Gleichzeitig stärken wir Selbstvertrauen, Mut und Spielintelligenz.
Ich sehe immer wieder, wie Torhüterinnen über sich hinauswachsen, wenn sie spüren: ‚Hier werde ich gesehen. Hier bekomme ich Inputs, die mir weiterhelfen. ’ Zudem erhielt jede Teilnehmerin ein Handbuch mit nach Hause – «So trainiere ich mich selbst» – damit das Lernen weitergeht.
In Deutschland gibt es eine lange Tradition von Fussball-Camps, die sowohl im Breitensport als auch in der Talentförderung verankert sind. Vor 20 Jahren habe ich meine ersten Camps in Deutschland durchgeführt. Als 2007 Deutschland zum zweiten Mal Weltmeisterin wurde, rannten mir die Mädchen die Türen ein. Ich weiss also, was es bedeutet, einen Boom in Normalität umzuwandeln. Die Schweiz kann davon profitieren – durch mehr Regelmässigkeit, durch professionell geschulte Trainerinnen und Trainer und durch Netzwerke, die Mädchen über Vereinsgrenzen hinweg verbinden. Ich sehe in der Schweiz und im Kanton Zürich viel Potential, genau in diese Richtung weiterzugehen.
Wir haben im Frauenfussball ein strukturelles Problem: Die Altersgruppe Ü30 fehlt fast komplett. Viele Frauen hören aufgrund von Studium, Beruf, Familie oder fehlenden Spielmöglichkeiten früh auf – und kommen nicht mehr zurück. Genau deshalb biete ich beispielsweise bei den Goalie-Täg selbst Ü30-Formate an. Ich spiele seit Jahren auch in Deutschland noch aktiv in einem 30-+-Team und weiss, wie wichtig solche Strukturen sind. Diese Angebote holen Frauen zurück in den Fussball, nehmen den Leistungsdruck raus und schaffen Räume, in denen man ohne Vergleich mit 18-Jährigen wieder einsteigen kann. Ohne Frauen über 30 fehlen uns Trainerinnen, Schiedsrichterinnen und Führungspersönlichkeiten im System.
Solche Initiativen haben wesentlich zur Sichtbarkeit beigetragen – und Sichtbarkeit ist der erste Schritt zur Veränderung. Formate wie HER GAME haben vor der WEURO eine wichtige Rolle gespielt, weil sie den Mädchen- und Frauenfussball in der Region Zürich begleitet, erklärt und emotionalisiert haben. Sie schaffen nicht nur Angebote, sondern auch eine Bühne. Es geht nicht nur darum, Mädchen aufs Feld zu bringen, sondern ihnen zu zeigen: „Du gehörst hierher.“
Diese Plattformen machen Spielerinnen, Trainerinnen, Schiedsrichterinnen oder Verantwortliche sichtbar – und genau das brauchen wir, insbesondere im Vorfeld eines Grossanlasses.
Ich wünsche mir, dass wir die Energie der WEURO nachhaltig nutzen. Wir brauchen weiterhin gut zugängliche Angebote, engagierte Vereine, geschulte Trainerinnen und Trainer und starke Vorbilder. Und wir brauchen Mut: Mut zur Gleichbehandlung, Mut zu Investitionen, Mut zu langfristigem Denken. Mut, die Infrastruktur neutral zu denken. Wenn wir das schaffen, sehe ich eine Generation von Mädchen heranwachsen, die nicht fragt, ob Fussball etwas für sie ist – sondern die selbstverständlich zum Ball greift – und auch als Frau noch dabeibleibt.»
Kathrin Lehmann ist ehemalige Eishockey- und Fussball-Nationalspielerin, TV-Fussballexpertin, Sportwissenschaftlerin sowie Unternehmerin. Im Rahmen der UEFA Women’s EURO 2025 hat sie als Initiantin der Ka-Camps und Goalie-Tage in der Region Zürich mehrere Projekte für das Sportamt umgesetzt und begleitet.